Donnerstag, 22. Januar 2009
Finanzkrise - und keiner geht hin.
Stellt euch vor, ihr sitzt in euerer Münchner Penthousewohnung abends am Kaminfeuer und guckt gerade Dr. House.
Und plötzlich wird die Gehirnoperation ausgeblendet und ein erschüttert wirkender Sprecher berichtet vom Beginn eines weltweiten Nuklear-Kriegs. In Russland wäre versehentlich eine Atomrakete Richtung Washington gestartet worden, die nicht mehr gestoppt werden konnte, und daraufhin hätten die Amerikaner seinerseits Moskau ausgelöscht. Inzwischen sei auch Mitteleuropa betroffen und u.a. München dem Erdboden gleich gemacht.
Da stutzt ihr ein wenig und erhebt euch mit dem Chateau-Rotshild-Glasin der Hand, um aus dem Panoramafenster zu blicken. Und was seht ihr? Alles friedlich, wie immer. Autos fahren, der Olympiaturm leuchtet und weit entfernt ruht das Fußballstadion in Knallrot.

Seltsam...

Und ungefähr so fühlt sich momentan die Finanzkrise an. Mein Bäcker verkauft weiterhin Brötchen, mein Tankwart hat den Sprit billiger gemacht und mein Wirt lässt immer noch anschreiben.
Es kann natürlich gut sein, dass ich mich täusche, und die Welt ist inzwischen voll von entlassenen Leiharbeitern, obdachlosen Eigenheimbesitzern und arbeitslosen Top-Bankern, aber woher soll ich das wissen? Meine unmittelbar erfahrbare Welt sieht anders aus, und sie unterscheidet sich von der Welt, wie die Medien sie darstellen, fast genauso irritierend wie in der Geschichte vom Atomkrieg.

Natürlich kann es gewissenhafte Journalisten geben, die die Opfer der Finanzkrise tatsächlich kennengelernt haben, und daher wissen, dass es sie gibt, aber die können ja nicht das ganze vermeintlich Ausmaß der Krise eigenhändig überprüfen. Es werden also Statistiken, Finanzberichte, Gewinnwarnungen, Prognosen etc. zusammengetragen und durch die Medienlandschaft gespült, allenfalls mit Reportagen über Einzelschicksale garniert.

Vielleicht ist es aber in Wirklichkeit so: Uns droht ausnahmsweise eine Rezession, und das ist aber gar nicht weiter schlimm. Banken, ein paar empfindliche Großunternehmen und vor allem deren Führungskräfte finden das aber schon schlimm, weil deren Gewinne und Gehälter ziemlich leiden würden, und da passt ihnen das Gerede von der Katastrophe ganz gut - vielleicht helfen sie ja beim Befeuern mit. Schließlich wird ihnen ja jetzt ganz kräftig geholfen - in geradezu schwindelerregendem Ausmaß.
Könnte ja sein.
Die Idee, dass die Politiker da oben, die über diese Hilfsgelder entscheiden, besser informiert sind als wir, ist natürlich frommes Wunschdenken. Die haben ja schließlich auch nur die Medien, die wir haben. Und vielleicht noch schlimmer: Sie haben auch noch Lobbyisten vor der Bürotür, die uns erspart bleiben.

Also: Solange mein Wirt mich für kreditwürdig hält, gehe ich nicht zur Finanzkrise.
Man mag mich ruhig deswegen naiv nennen.

Erfreuliche Börsentage!

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